Möblierte Wohnungen

4. Video und Immersive


Bei allem Hype um die virtuelle Städtetour: das Konzept von „Prima facie“ unterscheidet sich nicht unwesentlich von der Version, die Google mit seinen „Street views“ in Städten der Vereinigten Staaten realisiert hat.

Der primäre technische Unterschied: das Grundelement von „Prima facie“ sind Videos, „Street views“ hingegen ist aus einer besonderen Technik der 360°-Fotografie gebaut. Wir nennen diese Technik im folgenden „Immersive“. Im Gegensatz zu „Video“ ist der entsprechende Ausdruck für den Laien sicher erklärungsbedürftig.

Beim Einsatz von Immersive lichtet eine spezielle Mehrbildkamera von einem bestimmten Standort aus zunächst eine komplette Kugelperspektive ab. Durch diesen „Rundum-Schuss“ werden alle möglichen Blickrichtungen des entsprechenden Standortes eingefangen (horizontal und vertikal - die einzige Problembereich ist hierbei die Zone, auf der die Kamera selbst fixiert ist).

Die Rundumaufnahme wird in Sekundenabständen wiederholt, so dass die Perspektiven nachfolgender Standorte ebenfalls vollständig gespeichert werden (ist bei Versetzung oder Bewegung des Untergrundes der Fall – im konkreten Fall: des Drehfahrzeuges).

Sowohl die Einzelaufnahmen des jeweiligen Standortes als auch deren sukzessive Abfolge werden am Ende durch eine Spezialsoftware zusammengesetzt. Unter der Vielzahl der abgelichteten Perspektiven kann der User im fertigen Topos dann frei wählen. Er kann mit der Maus die Blickrichtung wechseln, kann sich zum nachfolgenden Standpunkt begeben, kann nach oben oder unten steuern usf.

Video ist etwas anderes. Eine willentliche Bewegung noch oben oder unten existiert nicht. Alles läuft vielmehr ab wie im Spielfilm. Den Schwarzenegger mit der Maus umdrehen? Geht schlecht. Und wäre zudem auch wenig hilfreich. Ein Film soll schließlich laufen. Und nicht von Mäusen gestört werden.

Die entscheidende Frage lautet nun: Baut man nun einen virtuellen Stadtplan besser aus diesem oder aus jenem Element? Keiner wird so verrückt sein, beides zu tun. Und keiner wird eine solch nervenaufreibende Sache in Angriff nehmen, ohne sich vorher über grundsätzliche Dinge Gedanken zu machen. Zum einen: über bestimmte Phänomene unserer Wahrnehmung. Zum anderen: über seine ganz konkreten Ziele. Beides zusammen diktiert einer möglichen Lösung das Konzept.

Beginnen wir bei der Wahrnehmung. Was wir so nennen, ist niemals ein bloßes „Hingucken“. Es ist im eigentlichen Sinne Verhalten. Als solches folgt es Motiven, hat Intentionen und Fragen. Die entsprechende Erkenntnis stammt keineswegs aus einem psychologischen Proseminar. Sie prägt den schnöden Alltag der Wohnungspräsentation. Wohl kaum eine Immobilienfirma in Deutschland dürfte so ausgiebig von verschiedenen Spielarten der digitalen Erfassung Gebrauch machen wie e-rent. Die ganze Palette zählt seit Jahren zur Alltagsroutine: vom einfachen Digitalbild über die 360°-Technik bis hin zum Video.

Doch gerade in der Beziehung zwischen steuerbaren 360°-Aufnahmen und Video formuliert sich eine Alternative, die in vielfacher Hinsicht aufschlußreich ist.

Es scheint zunächst merkwürdig. Aber wenn man einen Betrachter generell fragt, warum er dieses oder jenes Stilmittel in der Wohnungsbetrachtung bevorzugt, so wird man keine klare Antwort erhalten. „Weiß nicht“, „Kann ich so nicht sagen“, „Hm“. Schlimmer noch: selbst die Frage, was er überhaupt besser findet, erzeugt zunächst eine gewisse Ratlosigkeit.

Der aufmerksame Beobachter ahnt: dieses Verhalten ist nur natürlich. Denn im Grunde ist die Frage auch falsch gestellt. Unsere Wahrnehmung bevorzugt nicht generell das eine oder andere. Ganz einfach, weil sie von je bestimmten Motiven geleitet wird. Manche davon mögen latent sein, andere hingegen sind offenkundig. Doch ganz gleich wie: immer ist Betrachterverhalten eingebunden in den Kontext von bestimmten Zwecken und Situationen.

Das Verhalten im Fall konkreter Wohnungsgesuche ist ein geradezu paradigmatisches Beispiel. Man kann den Prozess in diverse Phasen teilen. Jede dieser Phasen hat ihre speziellen Motive. Da ist zunächst das Ringen um generelle Übersicht. Es folgt die Selektion innerhalb dieser Vororientierung. Sodann die weitere Konkretisierung bis hin zur Bildung einer Entscheidungsumgebung, die nur noch durch eine geringen Anzahl von Alternativen belegt wird.

Wie immer man diesen Prozess auch differenzieren wollte: eindeutig scheint, daß sich der Fokus des Betrachters im zunehmenden Verlauf verschiebt. Konzentriert sich die Aufmerksamtkeit zunächst auf allgemeine Aspekte einer großen Anzahl von Elementen, so verschiebt sie sich im Lauf der Fortgangs zunehmend auf die Details von wenigen.

Wie auch anders? Niemand beginnt den Kauf eines Autos bei der Frage nach den Felgen. Und niemand, der sich bereits mit den Felgen beschäftigt, wird sich plötzlich nach einer anderen Automarke erkundigen.

Für uns war dabei die entscheidende Frage: besteht eine Korrelation zwischen einzelnen Phasen des Gesuchs und der Häufigkeit der Nutzung von bestimmten Stilmitteln der Präsentation? Bzw. einfacher ausgedrückt: wechselt ein Betrachter wahllos zwischen Digitalfotos, Videos und 360°ern? Oder gibt es Situationen, in denen er das eine oder andere eindeutig bevorzugt.

Die Antwort einer systematischen Untersuchung war verblüffend: die Häufigkeit der Nutzung variiert nicht nur nach Stadien. Sie tut dieses sogar äußerst radikal.

Mit verblüffender Eindeutigkeit hat sich gezeigt: gerade die Anfangsphase eines Gesuchs ist die unumstrittene Domäne des guten alten Digitalfotos. Zugriffe auf 360°er und Videos verlieren sich hier im statistischen Nirwana (vor allem, wenn man berücksichtigt, daß ein Großteil der Referenzen für die subtileren Techniken im entsprechenden Abschnitt eher auf allgemeine Neugier zurückzuführen sein dürfte). Was folgt daraus? Hausintern zunächst, daß die Fraktion, die das Digitalfoto als antiquiertes Stilmittel bereits entsorgen wollte, seither beleidigt schweigt.

Behelligt man den User in der Orientierungsphase z.B. mit 360°-Präsentationen, so fallen die Kommentare im allgemeinen wenig erfreulich aus: „Zu kompliziert“, „Zu umständlich“, „Herumklickerei“. Ist dieses Genre also Spielerei? Gott behüte! Denn ein komplett konträres Bild liefern Personen, die sich bereits im engeren Raum der Entscheidungsfindung bewegen. „Klasse“, „Ultragenau“, „Wie macht ihr das nur…“ Das Digitalfoto? Läuft jetzt sogar Gefahr, als Faustkeil der frühen Internetzeit diskreditiert zu werden.

War das nicht zu erwarten? Ja und Nein. Denn man tut sich scheinbar schwer, den Implikationen dieser Erkenntnis Rechnung zu tragen. Verschiedene Stilmittel der Präsentation sind keine „Alternativen“. Nichts ist einfach „besser“, nichts „tut es auch“ und nichts „kann man sich schenken“. Stilmittel sind immer Antworten auf die typischen Fragen in bestimmten Orientierungsebenen. Doch ein Gesuch lebt. Es entwickelt sich fort, und will am Ende ganz andere Dinge wissen als zu Anfang. Wenn also eine Wohnung mit klassischen Digis, Ipix und Video ausgestattet wird, so ist dies keine Ausschweifung, sondern der Versuch, den dynamischen Stufen mit je eigenen Antworten entgegenzukommen.

Was aber folgt für die Stadtpläne? Um es vorweg zu sagen: ein unauflösliches Dilemma. Sowohl Immersive als auch Video lassen Lücken, die im Rahmen der jeweiligen Technik nicht zu schließen sind. Wie im Fall der Stilmittel zur Wohnungsdarstellung sind beide auf eine bestimmte Frageebene zugeschnitten. Hinsichtlich vieler Effekte gibt es zwar Schnittmengen, nichtsdestotrotz qualifizieren die Eigenheiten eindeutig für je unterschiedliche Aufgaben.

Vielleicht fällt jemand ein besseres Bild ein. Aber man könnte sagen: Video eignet sich primär für das Flanieren, Immersive hingegen für das Analysieren.

Die Stärke von 360°-Techniken liegt eindeutig in der Reproduktion einer Unzahl an Detailperspektiven. Theoretisch kann ich mir damit jedes Kioskschild auf den PC holen. Keine Straßenecke bleibt meinem Blick verborgen, kein Wasserturm wird durch einen Bildrand begrenzt.

Der Wert von Immersive liegt just in der entsprechenden Potenz. Sie deckt den Möglichkeitsspielraum des Blickes nicht nur hinreichend genau sondern vor allem auch vollständig ab.

Wenn ich z.B. wissen will, wie die Fassade der Hausnummer 14 in der Ehrenstr. aussieht, dann liefert Immersive eine ideale Antwort. Mir macht die Reihe der Aktionen, die ich durchführen muß, um die Front in den Blick zu bekommen, nichts aus. Wahrscheinlich bin ich so begeistert über die pure Möglichkeit, daß mir nicht einmal auffällt, was ich da alles selbst tue bzw. tun muß.

Wie aber, wenn es um größere Zusammenhänge geht? Z.B. wenn mich die Hausnummer 14 gar nicht interessiert, sondern schlicht die Ehrenstr. als solche. Plötzlich merke ich, daß da etwas mühsam wird. Ich muß an einem Punkt ziehen. Mein Blick verliert sich an einen konturlosen Hintergrund. Und findet erst wieder Grip, wenn ich auch die Maus herunterbremse. Die Beziehung zwischen Szene 1 und 2? Schwierig. Jedenfalls ist es keine, die sich auch in unserer natürlichen Wahrnehmung abspielen könnte. Nun gut. Ich könnte langsamer ziehen, öfter bremsen, aufmerksamer sein.

Je mehr ich das versuche, desto klarer wird: der Versuch scheitert. Die lebendige Wahrnehmung einer Straße ist aus der sukzessiven Abfolge von Standortwechseln kaum herzustellen. Jedenfalls nicht im Topos von Immersive.

Das Phänomen liegt in der Natur der Dinge. Denn wie hat Heraklit doch so schön gesagt?: „Panta rei.“ Was mithin in unserem Fall sogar verschärft gilt. Denn die Wahrnehmung einer Straße fließt nicht nur, die Wahrnehmung einer Straße hat diesen Fluß sogar zum ausdrücklichen Inhalt.

Um Leben in das Szenario zu bekommen, gibt es aller Erfahrung nach nur einen Ausweg: das „bewegte Bild“. Entscheidet man sich also für Heraklit, so landet man unweigerlich auch beim Video.

Spiegel-Online schrieb im Mai über das amerikanische „Street view“-Projekt:

„Zwar gibt es keine bewegten Bilder - die User hangeln sich per Mausklick von Standbild zu Standbild - allerdings ermöglicht jedes der speziellen Panoramabilder einen 360-Grad-Rundumblick.“ Spiegel Online, 13.07.08, Till Erdtracht ddp

Stärken und Schwächen von Immersive sind so in einen einzigen Satz gefaßt. Gerechterweise muß man jedoch hinzufügen: auch die Entscheidung für Video hat ihren Preis. Schließlich geht das bewegte Bild generell auch mit einem Verzicht auf die Möglichkeiten von detaillierten Standortanalysen einher. Video bringt so zwar Leben in den Stadtplan. Dafür wird aber auch eine Unzahl potentieller Details aus dem interaktiven Raum verbannt.



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