Möblierte Wohnungen

5. Flanieren statt Sezieren


Die Wahl des Bausteinelements legt den virtuellen Stadtplan fest. Wenigstens hinsichtlich seiner bevorzugten Anwendungsumgebung (und wohl auch unabhängig von der Frage einer möglichen Kombinierbarkeit).

Immersive richtet sich auf die Unzahl an Details, die das geometrische Straßenleben einer Stadt zu bieten hat. Zuverlässig bringt es jeden erdenklichen Blick „auf den Punkt“. Video hingegen will zuallererst den Blick „in Gang setzen“. Lebhaft, natürlich und impressiv.

Wie gesagt: es gibt Überschneidungen. Aber pudelwohl fühlen sich die beide nur in ihrem ureigensten Element. Die Frageebenen sind dabei durchaus unterschiedlich. Die Antworten von Immersive fallen sehr konkret aus. Video hingegen lädt eher zum zwanglosen Flanieren ein. Es versucht bewußt, eine Oberfläche zu erhalten, deren Reiz gerade in der Einschränkung der perspektivischen Potenz liegt. So kann man letztlich den Schwarzenegger nicht umdrehen. Aber genau das ist keine Beschneidung des Blickes, sondern macht die Wahrnehmung als solche überhaupt erst möglich.

Auch wenn es dem Laien oft nicht so scheinen mag: die Wahl des Instruments (mitsamt seiner Einbettung) wird bei Projekten dieser Größenordnung nie „just for fun“ gewählt. Sie hängt im Wesentlichen immer von der besonderen Eignung im Rahmen übergeordneter Zwecke ab.

Jedenfalls scheint es nur natürlich, wenn sich der Weltmarktführer der Internet-Suchmaschinen im Rahmen seiner Aktivitäten für ein Stilmittel entscheidet, das die größtmögliche Genauigkeit und Detailtiefe verspricht

Unsere Stadtpläne sind freilich vor einem anderen Hintergrund entstanden. Als die Sache konkret wurde, hat Google sein „Street view“-Projekt in den Vereinigten Staaten zunehmend erweitert. Unabhängig von der Frage, wann (bzw. ob) Europa mit einbezogen wird, schien etwas anderes weit interessanter: Könnten wir damit überhaupt etwas anfangen? Wohlbemerkt: im öffentlichen Präsentationsteil, unter rein hypothetischen Vorzeichen. Die Antwort lautet: Mitnichten.

Die Aufnahme von Straßenzügen via Immersive hätte ihren eigentlichen Wert in einer Illustration der Außenansicht von konkreten Objektstandpunkten. Denn geht es um den Eindruck der Straße an sich, so verspricht Video im allgemeinen die lebhafteren Impressionen.

Das Gedankenexperiment war von kurzer Dauer. Eigentlich scheitert es an einer Trivialität. Denn unser Geschäftsfeld ist in einem Gewerbe lokalisiert, für das eine gewisse Diskretion unerläßlich ist. Diese Diskretion ist kein beiläufiger Umstand, sondern für diverse Abläufe schlichtweg konstitutiv. Weder die einschlägigen Rechtsbedingungen würden diese Art der öffentlichen Nähe zulassen, noch würden unsere Anbieter das Spiel lange tolerieren.

Wohl die wenigsten könnten es schätzen, wenn wir ihre Objekte einem System anvertrauen, das allgemeine Identifikation ermöglicht. Insofern bleibt die öffentliche Abbildung von Hausansichten an konkreten Standorte tabu. Nicht nur heute oder morgen, sondern prinzipiell.

360°-Techniken als Elementbaustein unserer Stadtpläne waren damit überraschend schnell vom Tisch. Wir konnten uns also umgehend auf Heraklit konzentrieren. Und damit auf ein Medium, das auf die Darstellung des organischen Straßenlebens spezialisiert ist: das Video.



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